„Schauspielen verlangt, dass du das wilde, sündige oder schmerzhafte in dir zelebrierst.“

Ich habe das folgende Buch TRUTH von Susan Batson gelesen und möchte die wichtigsten Erkenntnisse mit euch teilen.

TRUTH: Wahrhaftigkeit im Schauspiel. Ein Lehrbuch

Das Buch ist in unterschiedliche Kapitel aufgeteilt und ich habe mich bewusst dazu entschlossen, nicht auf jedes einzelne einzugehen. Vielmehr möchte ich euch mit diesem Beitrag einen Vorgeschmack auf das Buch geben.

Teil 1 Need, Public Persona und Tragic Flaw

Die Wahrheit

Es geht um Wahrheit, zeigt man sich selbst oder imitiert man jemanden anderen?

„Ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, die persönlichen Erlebnisse, nachhaltigen Verletzungen und ungelösten Probleme aus der Kindheit bleiben unser Leben lang an uns haften.“

Public Persona

Aber das, was wir zeigen offenbart nicht immer genau das was wir sind, sondern wir erschaffen eine sogenannte „Public Persona“ um dadurch unsere Verletzbarkeit und Schwäche verstecken zu können. Mit der Public Persona erschaffen wir eine Person um dieser Verletzbarkeit und Schwäche und all das wofür wir stehen verstecken zu können.

Need

Die Public Persona verdeckt und überschattet unser eigentliches Verlangen und Sehnsüchte, unser sogenanntes „Need“, das uns antreibt. „Damit ein Schauspieler an sein Need herankommen kann, muss er die erwachsene Hülle, die sein innere Kind verbirgt, ablegen.“

„Das Need gibt die Public Persona einer Figur vor, nicht umgekehrt.“

Um das unerfüllte Need einer Figur zu finden sollte man die gegenteiligen Eigenschaften der Public Persona betrachten.

Bsp. The Aviator – Leonardo DioCaprio

Need: bemuttert zu werden

Public Persona: keine Grenzen zu kennen

Tragic Flaw

Das „Need“ ist der Treiber einer Figur und führt sie durch die Geschichte. Wenn das unerfüllte Need jedoch stärker ist als die Public Persona und sich nicht mehr verstecken lässt und die Public Persona blockiert, dann kommt die dritte Dimension zum Vorschein – der „Tragic Flaw“.

Bsp. The Aviator – Leonardo DioCaprio

Need: bemuttert zu werden

Public Persona: keine Grenzen zu kennen

Tragic Flaw: verrückt zu werden

„Ein Schauspieler, der diese drei Dimensionen einer Figur beherrscht, ist dafür ausgerüstet, Leben aus einem Text entstehen zu lassen.“

Eine gute Grundlage dafür ist natürlich, dass man sich zunächst stark mit sich selbst auseinandersetzt und diese drei Dimensionen erkundet.

Teil 2 Der Schauspieler

Die Instrumente

Ein Schauspieler stellt sich als sein Instrument dar.

„Das Instrument eines jeden Schauspielers hat folgende sechs Eigenschaften in Unterschiedlicher Ausprägung.“

Körperlichkeit.

Intelligenz.

Phantasie.

Emotion.

Sensorische Fähigkeiten.

Einfühlungsvermögen.

Auf die einzelnen Ausprägungen werde ich im Folgenden eingehen und die aus meiner Sicht relevantesten Anmerkungen aus dem Buch aufgreifen.

Körperlichkeit

„Ein Schauspieler, der sich selbst spielt, benutzt seinen Körper, um eine Geschichte auszuschmücken, und nicht, um sie zu vermitteln.“

Wenn wir an Arnold Schwarzenegger denken, wird uns doch sofort bewusst wie absolut einzigartig sein Gang ist, wie er seinen Körper einsetzt, um seine Rolle sprechen zu lassen.

„Schauspielen bedeutet Verwandlung – die Schauspielkunst zu benutzen, um aus dem Schauspieler eine Figur zu erschaffen. Ein Schauspieler, der nur sich selbst spielt, verwandelt sich durch einen Kostümwechsel.“

„Der schlanke Robert De Niro nahm dreißig Kilo zu, um den Niedergang von Jake LaMotta in der zweiten Hälfte von Raging Bull (Wie ein wilder Stier) zu spielen. Die Verwandlung erlaubte De Niro, alle Barrieren niederzureißen, die zwischen ihm und seiner Figur existierten.“

Intelligenz

Bei diesem Instrument geht es um die intensive Auseinandersetzung und mit dem Verständnis der zu spielenden Figur.

„Aber die Aufgabe der modernen Schauspielerin ist es, rücksichtslose Intelligenz auf eine Figur anzuwenden. Du mußt deinen Verstand benutzen, um kluge, konkrete und wahrheitsgemäße Entscheidungen zu treffen, die deine Figur, die Umstände und die Geschichte erfassen.“

Ein sehr bekanntes Beispiel liefert Brad Pitt in Ocean’s Eleven. Denn in seiner Figur isst Brad Pitt fast ununterbrochen. „Szene für Szene und nach jeder Wendung in der Geschichte verschlingt Ryan Buffetplatten und Krabbencocktails.

Ich weiß zwar nicht, was genau Pitts Intention war (es steht nicht im Drehbuch), aber es war eine kluge Entscheidung, Ryans zwanghaften Appetit offenzulegen. Sein Essen war ein sehr menschliches, reales, auf einem Need basierendes Verhalten, das gegen Ryans supercoole Fassade anspielte. Es fügte der Figur Tiefe und der Geschichte eine Schicht psychologischer Realität hinzu.“

Phantasie

„Das Instrument eines Schauspielers beruht auf der Körperlichkeit und wird vom Verstand kontrolliert, aber schöpferisch tätig wird es mit Hilfe der Phantasie. Deine Phantasie verleiht dir Flügel. Eine mächtige, lebhafte, ständig arbeitende Phantasie erhebt die Wahrheit deiner eigenen Erfahrung und die gegebenen Lebensumstände der Figur zur Kunst.“

Um die Phantasie anzuregen benutzen Schauspieler sehr oft die Frage »Was wäre wenn?«, denn diese Frage „befeuert auf einfachstem Weg die Phantasie. Schauspielen braucht Vertrauen.“ Wenn wir uns beim Spielen diese »Was wäre wenn?« Frage stellen, können wir wir viel tiefer in die Rolle eintauchen und versuchen ein Gefühl dafür zu bekommen wie es wäre, wenn wir die Figur sind und dass was der Figur passiert, uns passiert.

Emotion

„Das Instrument eines Schauspielers muß Verletzlichkeit und seelische Empfindungen aus dem Inneren heraus erzeugen.“

„Laien glauben, daß ein Schauspieler ein Drehbuch liest, ein Gefühl auswählt und (…) das Gefühl darstellt. Aber Schauspielen bedeutet nicht darstellen, Schauspielen ist TUN. Der Schauspieler stellt keine Gefühle dar. Er greift nicht nach emotionalen Ergebnissen, die zu dem passen, was im Text steht. Ein Schauspieler offenbart die Wahrheit eines Gefühls.“

„Als Teil des Instruments eines Schauspielers bedeutet Emotion, Empfindungen bewußt erzeugen und zeigen zu können. Du erinnerst dich aktiv an eine Empfindung und zeigst sie dann. Vielleicht sind es Tränen, vielleicht ist es Lachen oder ein Schmerzensschrei – es kann alles sein, solange es eine authentische Empfindung ist.“

Sensorische Fähigkeiten

„Sich mit der sinnlichen Welt der Figur zu verbinden, verschafft dem Schauspieler einen riesigen Vorteil beim Streben nach ehrlichem Spielen.“

„Das Instrument des großartigen Schauspielers kann diese Details nicht nur fühlen, sondern physische Empfindung speichern, abrufen und offenlegen, je nach den Anforderungen des Drehbuchs.“

Einfühlungsvermögen

„Einfühlungsvermögen – ein großzügiges Wesen, das von Natur aus vermeidet, zu urteilen – ist unabdingbar für die Schauspielkunst.

Es ist ein Privileg, deine Haut mit einer Figur zu teilen. Ganz gleich wie sehr die anderen Figuren in der Geschichte oder die Erzählperspektive des Drehbuchs selbst die Rolle klein halten, die du spielst, du kannst es dir einfach nicht leisten, deine Figur selbst zu beurteilen oder herabzusetzen.

Selbst wenn du jemanden spielst, dem du im wahren Leben aus dem Weg gehen oder den du attackieren würdest, mußt du dich mit deiner Meinung zurückhalten und dein Instrument arbeiten lassen, um deine Rolle mit Leben zu füllen.“

Aus der Vergangenheit

„Ein Schauspieler muß jeden Aspekt der Psyche einer Figur erforschen und ihn sich vorstellen. Ein Schauspieler muß über jeden Augenblick der Hintergrundgeschichte einer Figur Bescheid wissen und jedes Detail aus dem realen Leben einer Figur kennen.

„Ein Schauspieler sucht Parallelen zwischen der Wahrheit der Lebensumstände einer Figur – das Wer und an Wen, das Was, das Wo, das Warum und das Wann, das im Text steht – und der Wahrheit seiner eigenen Erfahrung. Und der aufrichtigste und wichtigste Teil der eigenen Erfahrung eines Schauspielers ist sein unerfülltes emotionales Need.

Damit ein Schauspieler unter seine eigene Public Persona blicken und an sein Need herankommen kann, muß er die erwachsene Hülle, die sein inneres Kind verbirgt, ablegen. Er muß erkennen, daß das innere Kind die Quelle der Wahrheit, Phantasie und Inspiration ist, die die Grundlage jeder Kunst ist.“

Sense Memory

„Alle schauspielerischen »Methoden« basieren darauf, die Erfahrung einer Figur so glaubwürdig wie möglich zu vermitteln, und das nicht durch Nachahmung. Es gibt Techniken und Übungen, die dabei helfen, die Wahrheit des Schauspielers – seine eigene Erfahrung, seine Erinnerungen, seine Phantasie und seine Empfindungen – mit der »Wahrheit« einer Figur zu verbinden.

„Die Wahrheit über das eigene Leben eines Schauspielers – das Sehen, Hören, Fühlen, Empfinden, die Gedanken und Träume, die du in dir trägst – füllt den Speicher der Erinnerung und kurbelt die Phantasie an.“

„Sense Memory ist eine Ergänzung der Phantasie, keine Alternative zu ihr. Die Phantasie braucht Fakten und Erfahrungen, die sie nähren. Sense Memory kann diese wichtigen Zutaten liefern.“

Eine kleine praktische Übung zur Veranschaulichung. „Zu Anfang versucht sich der Schauspieler an ein Ereignis zu erinnern, das ihn einer ähnlichen emotionalen Empfindung nahebringt wie der im Text geforderten. Der Schauspieler muß sich dann folgende Fragen bezüglich dieser Erinnerung stellen.“

Es geht hier im Detail um Fragen zum Ereignis alles was man damit in Verbindung bringen kann wie Uhrzeit, Jahreszeit, Gerüche, eigene Befindlichkeiten. „Um es deutlich zu sagen: Das Ziel von Sense Memory ist es, eine Empfindung hervorzurufen, eine spontane Reaktion, die Gefühle entstehen läßt – nicht nur die Vorstellung oder die Äußerung des Gefühls selbst.“

„Sense Memory ist kein exakter Fragenkatalog. Es ist eine selbstbestimmte Vorbereitung, die ein Schauspieler nutzen kann, um Ideen und Alternativen zu entwickeln. Wenn ein Schauspieler sich sicher ist, daß er persönliche Erfahrung mit einer Figur teilt, gewinnen die emotionalen Ereignisse im Leben des Schauspielers eine neue Kraft und einen neuen Wert.“

Teil 3 Die Figur

Der private Moment der Figur

Egal welche Rolle wir spielen und was diese Person getan hat, es geht nie darum diese Rolle zu beurteilen oder gar zu verurteilen. Das einzige was wir unserer Rolle zu Teil werden lassen sollten ist Mitgefühl und die genaue Untersuchung der Public Persona, Need und Tragic Flaw.

„Jede Figur hat ihre Geschichte, und der Schauspieler ist verantwortlich dafür, diese Geschichte zu kennen.“

„Durch den privaten Moment der Figur kann der Schauspieler seine eigene Intimität in die Intimität seiner Figur integrieren. Beim privaten Moment der Figur muß der Schauspieler seine eigene Intimität durch die Fakten und die Geschichte filtern, die er von der Figur kennt.“

Teil 4 Der Text

„Die Zuschauer kommen nicht, um dich zu sehen«, hat Julianne Moore einmal gesagt, »sie kommen, um sich selbst zu sehen.“

Die Szenenanalyse

Es geht in erster Linie nicht darum, sich einfach nur das Drehbuch zu nehmen und den Text inklusive Gesten und Bewegungen auswendig zu lernen. „Die Aufgabe des Schauspielers ist es, die Geschichte durch menschliches Verhalten zu erzählen.“

„Du lernst den Text nicht. Der Text durchdringt dich. Durch Auswendiglernen läßt sich das nicht erreichen. Du nimmst den Text auf, indem du eine Verbindung zum Autor herstellst. Du tauchst ein in die emotionale, psychologische und körperliche Energie der Worte des Autors – in die Handlung des Textes.“

Viel wichtiger ist es, die Handlungen hinter dem Text der Rolle zu verstehen und in das Gefühlsleben einzutauchen und nicht die Zeilen selbst. „Wenn man die Handlungen kennt, wird der Text ein organischer Teil der Erfahrung der Figur und nicht eine Litanei von leblosen Aussagen und Fragen, die der Schauspieler wortwörtlich nachplappert.“

Beat für Beat – Moment für Moment

„Der grundlegende Baustein eines Textes ist der Beat, die kleinste Einheit einer Szene. Jeder Beat ist ein einzelner vollständiger dramatischer Gedanke – ein Moment. Ein Beat ist vollständig, wenn er einen dramatischen Gedanken zu Ende bringt, ihn nicht nur anstößt.“

„Es gibt fünf Kategorien, um einen Beat zu beschreiben. Es sind die fünf Werkzeuge eines Autors“

Exposition.

Charakterisierung.

Darstellung des Needs.

Darstellung des Konflikts.

Aktive Handlung.

Exposition

Damit sind Tatsachen gemeint, schlicht und einfach die Wahrheit sagen.

Charakterisierung

„Mit der Charakterisierung beschreibt der Autor eine Person, einen Ort oder einen Gegenstand.“

Darstellung des Needs

„Bei der Handlung, die einen Need-Beat begleitet, geht es immer darum, einen Gemütszustand, ein Verlangen, ein Bedürfnis, einen Wunsch oder eine Obsession »offenzulegen« oder »zu enthüllen«.“

Darstellung des Konflikts

Diese Beats können sich auf einen Konflikt zwischen zwei Figuren beziehen oder auf das Innere einer Person selbst.

Aktive Handlung

Mit diesen Beats kann eine Handlung vorangebracht werden, indem etwas passiert – das Telefon klingelt, es kommt jemand rein oder es wird jemand verabschiedet. Diese Beats stehen im Drehbuch meist in Klammern einer Szene und weisen auf eine Handlung hin.

Teil 5 Das Leben

Improvisation

Nach einer intensiven Auseinandersetzung mit der Figur und dem Text kann man sich mit der freien Improvisation befassen um noch tiefer in seine Rolle zu schlüpfen.

„Ausgestattet mit deinem Wissen über die Szene und ihre Figuren, verwendest du deine eigenen Worte und Bewegungen, um die Gefühle in der Szene mitzuteilen. Basierend auf den Umständen deiner Figur, die du aus dem Text erfahren hast, sagst du, wie du dich fühlst. Bleib ehrlich und offen und vergiß für eine Weile den Text zugunsten der Empfindungen dahinter.“

Ich möchte diese Buch Zusammenfassung gerne mit einem kleinen Appell abschließen:

Habt Mut zur Hingabe!

Ich habe das Buch wirklich sehr genossen zu lesen, da es mit sehr vielen Beispielen aus Filmen angereichert ist und so ausgezeichnet geschrieben wurde, dass man sich noch intensiver mit sich selbst auseinandersetzen kann.

Ex-Er-Actor-Übungen

Am Ende des Buches gibt es noch zahlreiche „Ex-Er-Actor-Übungen“, welche ich euch sehr ans Herz legen kann.

Ziel der Übung ist es, eine Verbindung zwischen Schauspieler, Figur und dem Skript herzustellen. Über eine kleine Textszene zu Anfang der Übung wird die Situation der Figur eingeleitet um sich nachfolgend Gedanken über Sense Memory, Personalization und Sensory Condition der Figur zu machen.

„Bei jeder Übung hast du fünfzehn Minuten Zeit, um den Text in Beats einzuteilen und dich darauf vorzubereiten, die Bedeutung der Worte und die Geschichte zu vermitteln.“

Susan Batson lehrt das sogenannte Method Acting – meint, dass Schauspieler mit den Erinnerungen an eigene Erlebnisse arbeiten.

Review

Das Buch ist meiner Meinung nach ein wichtiger Bestandteil eines jeden Schauspielers. Wie alle Schauspielbücher kann es definitiv öfter gelesen werden. Das schöne daran ist, dass man mit der Zeit immer neue Erfahrungen als Schauspieler sammelt und wenn man das Buch nach längerer Zeit wieder in der Hand hat, können alte Passagen wieder ganz neu interpretiert werden.

Habt ihr das Buch gelesen und könnt weitere hilfreiche Erkenntnisse mit uns teilen?

TRUTH: Wahrhaftigkeit im Schauspiel. Ein Lehrbuch

Ausblick

Die Chubbuck-Technik

Im nächsten Blog Beitrag werde ich über das Buch von Chubbuck schreiben und euch auch die aus meiner Sicht wichtigsten Punkte aus dem Buch zusammenfassen.

Die Chubbuck-Technik: The Power of the Actor. Ein Schauspiel-Lehrbuch

Ich freue mich sehr auf eure Kommentare.